Der „Sternberger Kuchen“ - eine paläontologische Besonderheit aus Mecklenburg-Vorpommern

Der Sternberger Kuchen ist ein besonders auffälliges Sedimentärgestein, das als Lokalgeschiebe und Lokalgeröll während der Weichsel-Vereisung (ca. 115.000 – 10.200 Jahre vor heute) seine Verbreitung in Mecklenburg fand. Die Stadt Sternberg ist Namengeber für dieses Gestein, da es in der Umgebung der Stadt besonders häufig zu finden war.

Erforschung

Fossilien im SteinDie charakteristische Färbung dieses eisenhaltigen Kalksandsteines - sie ist je nach Verwitterungsgrad  grau, gelb oder schokoladenbraun - und der Fossilreichtum waren für die Gesteinsbezeichnung „Kuchen“ ausschlaggebend. Die Auffälligkeit dieses Gesteins war sicher Anlass, dass es bereits ab dem Beginn des 18. Jahrhunderts Gegenstand geologischer Untersuchungen wurde. J. H. Lochner war der erste, der im Rahmen seiner 1711 an der Rostocker Universität angefertigten Dissertation dieses Gestein erwähnt. 

Er deutete die im Gestein vorhandenen Fossilien nicht als Spiele der Natur, sondern als Organismenreste. Der als Pastor und Rektor in Sternberg wirkende D. Franck gab 1753 eine treffende Beschreibung des Sternberger Kuchens; er erkannte seinen marinen Ursprung und leitete daraus eine größere Ausdehnung der Ostsee ab.

1777 veröffentlichte J. E. I. Walch, Herausgeber der Zeitschrift „Der Naturforscher“, die erste Fossilliste des Sternberger Gesteins. Im 19. Jahrhundert begann dann die Epoche seiner systematischen Sammlung und paläontologischen Aufarbeitung.

L. v. Buch, ein bedeutender Geologe des 19. Jahrhunderts, datierte die Fossilien des Sternberger Gesteins in das Tertiär* (heute Paläogen und Neogen). H. Karstens, Professor an der Universität Rostock, gab eine Auflistung der Fossilien der  im Akademischen Museum der Universität vorhandenen Sternberger Gesteine heraus und erwähnt neben Mollusken (Weichtiere) und Fischzähnen bereits Foraminiferen (Kammerlinge = einzellige Organismen) und Reste von Echinodermen (Stachelhäuter) und Krebsen.

E. Boll - naturwissenschaftliches Universalgenie und Beförderer der Geologie in dieser Zeit - stellt in seinem Erstlingswerk „Geognosie der deutschen Ostseeländer zwischen Eider und Oder“ (1846) ein Verzeichnis der ihm bekannten Fossilien auf und kommt zu dem Schluss, „(…) daß das sie einschließende Gestein sich in einem wenig gesalzenen Wasser bildete, etwa in einem Binnenmeere, deren Conchylien sich durch pygmäische Formen auszuzeichnen pflegen a), oder auch in einer Meeresbucht, welche große Flüsse in sich aufnahm. (…)“
„a) Dies ist z.B. mit unserer Ostsee und dem caspischen Meere der Fall.“

Muscheln im SteinWeitere bekannte Geologen machten sich um die Erforschung des Sternberger Gesteins verdient. E. Beyrich, F. E. Koch und C. M. Wiechmann  untersuchten vorrangig die Weichtierfauna des Gesteins. Die anderen Tiergruppen blieben unbearbeitet. Erst dem Rostocker Geologen E. Geinitz ist es zu verdanken, dass auch die „übrige“ Fauna von  Spezialisten bearbeitet wurde. Geinitz selbst veröffentlichte 1883 die erste Verbrei-tungskarte des Sternberger Kuchens.

90 Jahre später setzte eine neue Bearbeitungsstufe ein. Die Kartierung der Lokalgeschiebe in Krakow-Schwerin-Sternberg  durch Schulz 1972 zeigte eine Häufung des Gesteins  „(…) über und südlich der Salzstrukturen Krakow, Sternberg und Pinnow (…)“. (Schulz, 2010) Der unterhalb der ca. 100 m mächtigen Quartärbasis* gelegene Ausstrich des oberen Tertiärs paust sich durch die Verbreitung des Sternberger Gesteins bis an die Oberfläche durch. Eine sekundäre Verlagerung erfolgte dann durch die Schmelzwässer der Weichsel-Vereisung (s. auch Alter und Verbreitung)

Eine gehäufte Sammeltätigkeit zog einen „Bearbeitungsschub“ in einzelnen Fossil-gruppen nach sich. Bis in die heutige Zeit  ist dieses fossilreiche Gestein  Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Dabei wird auch auf Faziesunterschiede* aufmerksam gemacht. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die Veröffentlichung von Zessin, Braasch und Polkowsky (2009), die 2 neue  Gesteinstypen aus dem Oberoligozän von Mecklenburg beschreiben.

Fossilinhalt

Gegenwärtig geht man von ca. 530 nachgewiesenen  Arten aus. Dazu zählen neben den weiter o.g. Gruppen u.a. Schwämme, Korallen, Bryozoen (Moostierchen), Wür-mer, Ostrakoden (Muschelkrebse), Cephalopoden (Kopffüßer) … und Hölzer (Schulz, 2003).

Alter und Verbreitung

Das Alter des Sternberger Gesteins ist durch L. v. Buch seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts belegt.  Die Einstufung in das Oligozän, einer chronostratigrafischen Serie innerhalb des Paläogens, erfolgte durch E. Beyrich 1854. Das durch den Fossilinhalt datierte Alter des Sternberger Gesteins beträgt ca. 28 – 23 Millionen Jahre vor heute (= Chattium = chronostratigrafische Stufe des Oligozäns).

Das Sternberger Gestein wurde im küstennahen Flachwasserbereich gebildet. Entgegen früherer Annahmen, dass sich das Oligozänmeer innerhalb des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns von Rostock bis zur Müritz erstreckte, ist nach neueren Untersuchungen davon auszugehen, dass es sich im Chattium A und B, dem Bildungszeitraum des Sternberger Gesteins, bis in den Raum Neubrandenburg - Poel erstreckte.

Das wesentliche Verbreitungsgebiet des Sternberger Gesteins liegt in Westmecklenburg. Ursache ist die jüngste Vereisung im norddeutschen Raum, die Weichsel-Vereisung. Durch die schürfende Tätigkeit der Eismassen ist das Gestein unweit von seinem Herkunftsgebiet als Lokalgeschiebe abgelagert worden (Hinweis: Das Heimatmuseum Sternberg beherbergt ein als Geotop ausgewiesenes Geschiebe des Sternberger Gesteins. Es gehört zu den größten Geschiebefunden dieser Gesteinsart.)

Diese Vorkommen stehen in enger Verbindung mit den im Untergrund Mecklenburg-Vorpommerns vorhandenen Salzstrukturen; durch die Aufwärtsbewegungen der Salzstöcke gelangten die darüber liegenden Schichten - so auch die Ablagerungen des Oligozänmeeres - in Oberflächennähe und damit in den Einflussbereich der Eismassen. Ihr Tiefenschurf bewirkte das Abreißens der Gesteinsschichten vom Untergrund und ihren Weitertransport. Durch die Schmelzwässer erfolgte dann die eine Umlagerung in die eiszeitlichen Kiese und Sande des südlich der Salzstrukturen gelegenen Vorlandes.

Glossar:

Tertiär/Quartär:

Mit Hilfe der Geologischen Zeittafel werden definierte Zeiträume benannt. Tertiär und Quartär gehören zum Känozoikum, der Erdneuzeit. Das Tertiär, das heute als Paläo-gen und Neogen bezeichnet wird, begann vor 65 Millionen Jahren und endete vor 2,58 Millionen Jahre. Daran schloss sich das Quartär an. In diesem geologischen Zeitabschnitt leben wir heute noch.

Fazies:

Der Schweizer Geologe Greßly bezeichnete 1840 die Gesamtheit der petrografischen, lithologischen und fossilinhaltlichen Kennzeichen einer Ablagerung, die verschiedenartige Ausbildung gleichaltriger Ablagerungen, die von den physisch-geografischen und geologischen Bedingungen des Abtragungs- und Ablagerungsgebietes bestimmt werden, als Fazies.

Literatur/Quellen

 

Weitere Informationen zum Thema

www.geosite.uni-greifswald.de
www.mars.geographie.uni-halle.de
www.mineralienatls.de