Größter versteinerter Schachtelhalm der Welt aus Chemnitz ist „Fossil des Jahres 2010“

CalamitFossilien sind einmalige Zeugnisse der Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten. Sie liefern uns Hinweise auf oft dramatische Veränderungen der Umwelt und der Lebens-bedingungen über unvorstellbar lange Zeiträume. Anschaulich zeigen sie, wie die heutige Vielfalt der Organismen im Laufe der Evolution entstanden ist und dokumentieren auch Lebensformen, die heute nicht mehr existieren. Fossilien haben einen großen praktischen Nutzen, etwa in der Exploration von Rohstoffen oder in der Klimaforschung, aber immer handelt es sich um besondere Objekte naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Manche Fossilfunde sind spektakuläre Museumsexponate, die den Betrachter durch ihre ungewöhnliche Gestalt, ihre Erhaltung, ihre Größe oder ihren ästhetischen Reiz in Erstaunen versetzen. Dadurch sind sie vielfach auch zu Sinnbildern der kulturellen Entwicklung des Menschen in seiner Auseinandersetzung mit der Entstehung und Entwicklung des Lebens geworden.

Um dieser Bedeutung von fossilen Objekten Rechnung zu tragen und ihre Erforschung durch die Wissenschaft der Paläontologie in der Öffentlichkeit stärker ins Bewusstsein zu bringen, hat die Paläontologische Gesellschaft 2010 zum dritten Mal den Titel „Fossil des Jahres“ an ein herausragendes Fossil vergeben. Die Vergabe dieses Titels ist an eine Reihe von Kriterien geknüpft, die sowohl die wissenschaftliche Bedeutung als auch den besonderen Museumswert der Fossilien berücksichtigen. Von einer Fachkommission werden alle Vorschläge eingehend geprüft und schließlich wird das „Fossil des Jahres“ aus einer Vorauswahl von fünf Objekten von den Mitgliedern der Paläontologischen Gesellschaft auf ihrer Jahrestagung gewählt. Einzelheiten des Verfahrens sind der Homepage der Paläontologischen Gesellschaft zu entnehmen (www.palaeo.de).

Für 2010 wurde der größte Schachtelhalm-Baum (Calamit) der Welt, ab dem 27.01.2010 zu besichtigen im Museum für Naturkunde in Chemnitz, als „Fossil des Jahres 2010“ von der Mitgliederversammlung der Paläontologischen Gesellschaft gewählt. Mit einer Länge von ca. 10 m ist der Fund der größte Schachtelhalm-Baum, der jemals gefunden wurde. Das permzeitliche, ca. 290 Millionen Jahre alte Original hat ein Gewicht von mehreren Tonnen. Es wurde 2008 in einem Grabungsareal im Stadtgebiet von Chemnitz gefunden und vom Direktor des Museums, Herrn PD Dr. Ronny Rößler und seinen Helfern, geborgen.

Schachtelhalm-Bäume gehören zu den sogenannten Gefäßsporenpflanzen, die bis heute überlebt haben. Die heutigen Schachtelhalme, wie etwa der Ackerschachtelhalm, sind die letzten Überlebenden einer ehemals artenreichen Gruppe innerhalb der Gefäßsporen-pflanzen (Pteridophyta). Zu dieser Pflanzengruppe gehörten auch die Calamiten von Chemnitz (Calamitaceae). Sie waren verholzt, erreichten im Perm Wuchshöhen von mindestens 10 Metern und 1 Meter Stammdurchmesser und bildeten vor mehr als 300 Millionen Jahren einen wichtigen Bestandteil der Steinkohlenwälder. Die ersten Schachtel-halme traten im oberen Devon vor etwa 375 Mio. Jahren auf. Die Schachtelhalme können deshalb als „lebende Fossilien“ bezeichnet werden. Die heutigen Arten der Gattung Schachtelhalme (Equisetum) werden, mit Ausnahme einer tropischen Art, nicht höher als 2 Meter.

Die Größe des Fossils an sich beeindruckt den Betrachter, repräsentiert aber auch eine grundlegenden evolutionsbiologische Fragestellung, nach der Triebkraft der evolutiven Größenzunahme und den Grenzen des Wachstums. Da es in der Natur viele Vorteile für größere Pflanzen gibt, z.B. bessere Versorgung mit dem Licht der Sonne und einen effizienteren Stoffwechsel, kommt es in vielen Evolutionslinien der Pflanzen zu einer Größenzunahme. So könnten es besondere Eigenschaften im Bauplan und der Biologie der Calamiten gewesen sein, die ihnen einen derartigen Gigantismus erlaubten – ein fruchtbares Feld für zukünftige Forschungen. Der Riesencalamit von Chemnitz macht damit die Herausforderung augenfällig, die Fossilien oft für das Verständnis der Evolution bedeuten.

Zur Paläogeografie im Perm

Im Unteren Perm entstand die Großerde Pangäa aus dem Zusammenschluss der kontinentalen Erdmassen Larussias auf der Nord- und Godwanas auf der Süderde. Pangäa war von dem Ozean Panthalassa und der Tethys umgeben. Im Perm (299 – 251 Millionen Jahre) kam es zum größten Massensterben von Organismen in der Erdgeschichte. 95 % aller Gattungen und Familien der bis dahin vor-handenen Lebewelt waren davon betroffen. Ursache für das Aussterben der paläozoischen Fauna und Flora war das Zusam-menspiel mehrerer verschiedener Faktoren.
Es vollzogen sich globale Prozesse, die auch die paläoklimatische und paläobiologische Entwicklung beeinflussten. Dazu zählen  sowohl die im Unteren Perm ausklingende Variszische Gebirgsbildung, die im Zusammenhang mit dem Permischen Vulkanismus steht, als auch  die Verän-derung vom humiden zum ariden Klima.

Verantwortlich für die hervorragende Erhaltung der Pflanzenfossilien in Chemnitz  war der Vulkanismus im Unteren Perm Die Einbettung der Pflanzen erfolgte in einem Tuff, einem vulkanischen Gestein, das durch einen Glutwolkenausbruch des Zeisigwalds–Vulkans entstand. Das Eindringen von Kieselsäure führte letztendlich zur sehr guten Konservierung der eingelagerten Pflanzen und zum „Versteinerten Wald“ von Chemnitz.

Das Besondere am Riesenschachtelhalm von Chemnitz - Hilbersdorf

Der Schachtelhalm – Baum aus dem Perm wurde vor ca. 290 Millionen Jahren durch den bereits erwähnten Vulkanausbruch verschüttet. Er wurde bei Grabungen im Stadtteil Chemnitz-Hilbersdorf  2008 entdeckt und bis Ende Oktober 2009 auf eine Länge von 10 Metern freigelegt. Der Riesenschachtelhalm ist mehrfach verzweigt. Für die Paläobotanik ist er deshalb  von besonderer Bedeutung: er widerlegt die bisherige Annahme, dass diese Pflanzen im Perm nur un-verzweigt vorkamen.

Die Grabungen in Chemnitz–Hilbersdorf sollen bis September 2010 fortgesetzt werden. Bisher konnten mehr als 300 fossile Pflanzen freigelegt werden, darunter auch der Riesenschachtelhalm Arthropitys bistriata, der zum Fossil des Jahres 2010 gekürt wurde.

Riesenschachtelhalmvorkommen in Mecklenburg-Vorkommen

Der Riesenschachtelhalm ist auch in Deutschland rezent verbreitet. Er ist zwar mit dem fossilen Riesenschachtelhalm verwandt, doch handelt es sich aber um zwei völlig verschiedene Arten. Die Wuchshöhe des rezenten Riesenschachtelhalmes beträgt 1 – 2 m. Damit ist er der größte Schachtelhalm innerhalb der mittel-europäischen Flora. In der Beschreibung der nach § 20 LNatG M–V geschützten Biotope und Geotope im Wald und in dessen Umgebung findet er Erwähnung in der Vegetation des Quellbereiches. Seine Verbreitung ist in Mecklenburg–Vorpommern auf wenige Vorkommen beschränkt. Im Landkreis Müritz ist der Riesenschachtelhalm im NSG „Hellgrund“ nachgewiesen.

Fossile Funde des Riesenschachtelhalmes sind auf Grund der landschaftlichen Ent-stehungsgeschichte unseres Bundeslandes nicht zu erwarten. Als Geschiebe aus dieser Zeit sind vorrangig Vulkanite, wie z.B. Rhombenporphyre und Oslo–Ignimbrite, anzutreffen.

Besichtigung

In Chemnitz kann das „Fossil des Jahres“ außer Mittwochs von 10 bis 20 Uhr, Samstags, sonntags und Feiertags bis 18 Uhr im Museum für Naturkunde der Stadt Chemnitz Moritzstraße 20, 09111 Chemnitz, besichtigt werden. Weitere Informationen für Besucher des Museums finden Sie unter www.naturkunde-chemnitz.de (Telefon 0371 / 488-4366). Zusätzliche Informationen zur wissenschaftlichen Bedeutung des Fossil des Jahres sowie weitere Bilder sind auf der Homepage der Paläontologischen Gesellschaft unter www.palaeo.de zu finden.

Paläontologische Gesellschaft
Dr. Michael Wuttke
Generaldirektion Kulturelles Erbe RLP
GDKE-Erdgeschichte
Große Langgasse 29
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Tel.: 06131-2016-400
E-mail: michael.wuttke@gdke.rlp.de