Der Karpfen – ein bedeutsames Haustier

fischDer Karpfen (Cyprinus carpio) ist ein Süßwasserfisch mit herausragender Bedeutung. Wer hat nicht schon einmal „Karpfen blau“ an den Weihnachtsfeiertagen, Silvester oder am Neujahrstag gegessen? Kein anderer Fisch ist in den Bevölkerungskreisen so gut bekannt. Wie und wo dieser Fisch aber lebt bevor er zur Herbst- und  Winterzeit für alle sichtbar in den Becken der Fischgeschäfte schwimmt oder bereits als wohlschmeckendes Gericht auf den Tisch kommt, darüber haben die wenigsten eine klare Vorstellung.

Der Karpfen ist in Europa und in Asien der wichtigste Speise- und Wirtschaftsfisch der Binnenfischerei. In unseren heimischen Gewässern lebt keine andere Fischart, die durch jahrhunderte lange Züchtung so stark beeinflusst wurde. Mit Recht kann der Karpfen in den Teichen der Fischzuchtbetriebe als Haustier bezeichnet werden, denn sämtliche Merkmale der Domestikation, durch welche sich die klassischen Haustiere, wie Hund, Rind oder Biene auszeichnen, sind durchaus auch auf den Karpfen zutreffend. Zu den domestizierten Tieren gehören allgemein solche Arten, welche dem Menschen dauerhaft nützlich und wirtschaftlich verwendbar sind und die sich unter dem Einfluss der Züchtung regelmäßig fortpflanzen.

Der Karpfen, wie wir ihn als Speisefisch kennen, ist eine Zuchtform des Wildkarpfens. Die Kennzeichen, als Wildfisch einerseits und als Objekt der Tierzüchtung andererseits, sind sehr unterschiedlich. Gemeinsame Merkmale aller Formen sind zwei lange und zwei kurze Barteln am endständigen Maul, welches rüsselartig vorgestülpt werden kann.

Die Unterschiede zwischen Wild- und Zuchtform entstanden durch regelmäßige Selektion der Zuchttiere. So sind, durch intensive Züchtung, ganz bestimmte, dem Verbraucher nützliche, Eigenschaften entstanden. Die Haustierwerdung des Karpfens und die damit verbundenen Veränderungen des äußeren Erscheinungsbildes zeigen sich ganz besonders in der Reduktion der Beschuppung, in Farbabweichungen und in einer gedrungenen und hochrückigen Körperform. Wenige Schuppen am Körper erleichtert maßgeblich die Zubereitung des Fisches und eine gedrungene und hochrückige Körperform bietet mehr verwertbares Fleisch. 

Die Stammform (Wildkarpfen) des Karpfens ist sehr gestreckt, nur wenig seitlich abgeflacht und am ganzen Körper beschuppt. Bei den Zuchtformen gibt es hinsichtlich der Beschuppung vier unterschiedliche Typen:

KoiEine weitere Besonderheit der Zuchtformen stellen die so genannten Koikarpfen dar. „Koi“ ist das japanische Wort für Karpfen allgemein und bezeichnet dort nicht ausdrücklich die bunten Formen. Bei uns hingegen steht der Begriff für bunte Zuchtformen des Karpfens. Von den Koi gibt es eine Vielzahl von Schuppen-, Zeil- und Spiegelkarpfen in den unterschiedlichsten Färbungen und Farbmustern. Auch besonders metallisch glänzende Schuppenvarianten befinden sich darunter.

Als ursprüngliche Heimat des Karpfens werden allgemein die warmen und gemäßigten Regionen angesehen, die das Gebiet von Japan, China, Mittelasien, Kleinasien bis zum schwarzen Meer umfassen. Heute ist er, mit Ausnahme der nördlichen Gebiete, auch in ganz Europa verbreitet.

Es ist nicht sicher belegt wann und wie der Karpfen nach Zentral- und Westeuropa kam. Die heutige Verbreitung des Karpfens in Europa dürfte ihren Ausgang vom Donausystem genommen haben. Es ist wahrscheinlich, dass Mönche und Nonnen diese Fischart auch gezielt einführten, denn Karpfen hatten eine enorme Bedeutung als Nahrungsmittel für die Fastenzeit. So entwickelte sich im Mittelalter eine gezielte Teichhaltung von Fischen, insbesondere von Karpfen. Einzelne Klöster besaßen bald sehr weitläufige Teichwirtschaften, in denen diese Fische für die Fastenzeit herangezogen wurden. Die Spuren dieser Teichanlagen prägen bis heute Teile der europäischen Landschaft und sind Indiz für die Bedeutung von Süßwasserfischen in der mittelalterlichen Ernährung. Der Karpfen ist sogar das Wappentier mehrerer Städte und Gemeinden. Diese weisen eine lange Geschichte in der Karpfenzucht auf.

Karpfen werden auch heute überwiegend in Teichen gehalten. In Deutschland gibt es zahlreich Karpfenzuchtbetriebe. Das größte, wirtschaftlich genutzte Teichgebiet liegt in der Oberlausitz. In Boek, südöstlich der Müritz, liegt eine der größten Teichwirtschaften Mecklenburg-Vorpommerns. Ein wesentlicher Vorteil der Teichwirtschaft gegenüber der Fischerei in natürlichen Gewässern ist die Ablassbarkeit der Teiche. Das Ablassen geschieht durch den so genannten „Mönch“, ein Ablasskasten, welcher sich an der tiefsten Stelle im Teich, vor dem Damm, befindet.

In der Vergangenheit sind immer wieder Tiere ungewollt aus den Teichanlagen in die natürlichen Gewässer gelangt. Auch Besatzmaßnahmen in Kleingewässer hat es gegeben. Da Karpfen mehr als 50 Jahre alt werden können sind sie heute in vielen natürlichen Gewässern vorhanden. Hierbei handelt es sich meist um Zuchtkarpfen, welche zunehmend verwildern. Die Stammform (Wildkarpfen) ist auch in natürlichen Gewässern nur noch sehr selten anzutreffen.

Karpfen sind sehr scheue Fische und halten sich tagsüber meist in größeren Tiefen oder an geschützten Stellen des Ufers auf. Sie gehen hauptsächlich nachts und in der Dämmerung auf Nahrungssuche. Dabei werden flache, durchwärmte Buchten bevorzugt. Karpfen leben bodenorientiert in langsam fließenden und stehenden, pflanzenreichen Gewässern. Die Wachstumsmöglichkeit, in Bezug auf die Schnelligkeit des Wachstums, wird in den nord- und mitteleuropäischen Ländern keinesfalls ausgenutzt. Durch die klimatischen Bedingungen verbringt der Karpfen die kalte Jahreszeit gezwungenermaßen in der Tiefe der Gewässer und verringert seine Nahrungsaufnahme. Dennoch werden in Mitteleuropa, gerade auch in Deutschland, seit einigen Jahren Fische von stattlicher Größe und beachtlichem Alter gefangen. Fische über 20 Kilogramm Gewicht sind keine Ausnahme mehr. Selbst Tiere über 30 Kilogramm Gewicht sind schon gefangen worden.  

Die Vermehrung von Karpfen zur Teichhaltung erfolgt entweder auf natürlichem Wege, in so genannten Laichteichen, oder durch die künstliche Erbrütung der Fischeier, nach vorheriger Entnahme der Geschlechtsprodukte. Eine natürliche Vermehrung in natürlichen Gewässern kommt nur selten vor, da für das Ablaichen und das Aufkommen der Brut konstante Temperaturen von über 20°C im Frühsommer nötig sind. Dieses ist nur in wenigen Jahren in einigen flachen Gewässern gegeben. Für die Vermehrung im Laichteich werden an einem warmen Mai- oder Junitag mehrere sorgfältig ausgewählte Laichkarpfen, im Verhältnis zwei Weibchen (Rogener) zu einem Männchen (Milchner), besetzt. Wenn die Witterung günstig ist, laichen die Fische bereits nach kurzer Zeit. Das Wasser im Laichteich wird dann kurzfristig gesenkt und die Elternfische heraus gefangen. Die Eier kleben an Wasserpflanzen und überstauten Grashalmen fest. Nach einigen Tagen schlüpfen aus ihnen kleine Karpfenlarven.

Bei der künstlichen Vermehrung werden den sorgfältig ausgewählten Laichkarpfen, welche bei 23°C gehalten werden, zunächst mehrere Hypophyseninjektionen, in ganz bestimmten Mengen und Zeitfolgen, verabreicht. Dadurch erreichen sie zu einer vorhersehbaren Zeit ihre volle Laichreife und können dann abgestrichen werden. Dabei laufen Rogen und Sperma, unter gleichmäßigem Druck auf die Bauchdecke der Fische, aus den Karpfen heraus. In speziellen Behältern aufgefangen, werden die Geschlechtsprodukte vorsichtig vermischt und anschließend unter Zugabe von Wasser zum Quellen gebracht. Die Eier des Karpfens sind sehr klebrig. Damit sie nicht untereinander verklumpen, müssen die befruchteten Eier ständig umgerührt werden. Zusätzlich werden sie mit einer Tanninlösung gespült, um die Klebrigkeit zu verringern. Zur Erbrütung kommen die Eier in spezielle Erbrütungsapparate, wo sie bis zum Schlupf mit frischem Wasser und Sauerstoff versorgt werden. Zugergläser haben sich seit vielen Jahren sehr gut bewährt. Das Anfüttern und so genannte Vorstrecken der geschlüpften Larven erfolgt in speziellen Aufzuchtrinnen oder Vorstreckteichen. Bis zum Speisekarpfen vergehen 3 bis 4 Jahre. Dann ist, bei entsprechender Zufütterung, ein Gewicht zwischen 1 und 2 Kilogramm erreicht. Größere Karpfen stammen meist aus natürlichen Gewässern, da eine Haltung in Teichen über 4 Jahre hinaus unwirtschaftlich ist.

Der Karpfen ist auch bei Anglern sehr beliebt. Karpfenangeln hat sich in den letzten Jahren zu einem bedeutsamen Zweig der Angelfischerei entwickelt. Um die scheuen Fische an den Hacken zu bekommen, bedarf es einiger Erfahrungen und Gewässerkenntnisse. Ideenreichtum ist beim Fang besonders großer und vorsichtiger Karpfen gefragt. Karpfenangeln beginnt mit der Beobachtung des Gewässers zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten. Danach folgt die mehrtägige Periode des Anfütterns, um die Karpfen an den Platz und den Köder zu gewöhnen. Während als Köder früher Kartoffeln oder Mais verwendet wurden, stehen heute ein Vielzahl künstlicher Ködermittel zur Verfügung. So genannte Boilies haben beim Karpfenangeln einen wahren Durchbruch erzielt.