Vielfalt der Neubürger - Neophyten

Immer wieder liest man in Zeitungen Überschriften wie: "Kaukasische Zeitbombe wuchert Brandenburg zu", "Ausbreitungsfreudig: Der Staudenknöterich", "Ein Gewächs wie aus dem Dino- Land" oder "Pollenschleuder unter dem Vogelhaus".

Es geht dabei um Pflanzenarten, die in unserer Region nicht ursprünglich heimisch waren, so genannte Neubürger oder Neophyten. Die Anzahl der eingeführten und eingeschleppten Arten übertrifft die der in Deutschland wild wachsenden Farn- und Blütenpflanzen mindestens um das Fünffache.

AlleyEinen großen Anteil an der Einbürgerung gebietsfremder Pflanzen hatten und haben Botanische Gärten und Parks. Zahlreiche Gehölze und Stauden konnten in der freien Natur Fuß fassen, wie z.B. die Rosskastanie (Herkunft: Südosteuropa) oder der Flieder, der ursprünglich in Südosteuropa heimisch war und im 16. Jahrhundert in Europa eingebürgert wurde. Auch die Forstwirtschaft führte gebietsfremde Baumarten ein, so z. B. die Roteiche (Herkunft: östl. Nordamerika), die Douglasie (Herkunft: westl. Nordamerika, Ostasien) oder die Weymouthskiefer (Herkunft: Nordamerika).

Zur Verbreitung nicht heimischer Pflanzenarten tragen im hohen Maße auch Verkehr und Handel bei. Untersuchungen haben belegt, dass im Umkreis von Bahnhöfen, Häfen oder Flugplätzen eine besonders große Zahl von Neophyten nachzuweisen ist. Sie können nur dort dauerhaft Fuß fassen, wo sie geeignete Lebensbedingungen finden. Durch die Umwandlung der Naturlandschaft Mitteleuropas in eine Kulturlandschaft hat sich auch das Artenspektrum der Pflanzen- und Tierwelt verändert. Es ist ein Wandlungsprozess, der durch die verschiedenen Aktivitäten des Menschen gefördert wird. So besetzen heute zahlreiche Neophyten freie ökologische Nischen, ohne eine Konkurrenz für heimische Arten darzustellen. Kommt es zur Massenvermehrung bestimmter Arten, greifen die Medien schnell zu den oben bereits zitierten Schlagzeilen. Begriffe wie Invasion und Zeitbombe schüren Ängste, die wiederum zu unsinnigem Aktionismus führen.

Die Ausbreitung gebietsfremder Pflanzen- und Tierarten ist ein Prozess, der bereits vor langer Zeit begann. Er ist Bestandteil des ständigen Wandels und der Veränderungen in der Natur und wurde durch die globalen menschlichen Aktivitäten in Gang gesetzt und beschleunigt. Alle Neophyten, die in der freien Natur überleben und sich vermehren, sind als eingebürgert und Bestandteil unserer Flora anzusehen. Das schließt nicht aus, dass bei gelegentlichen Massenvermehrungen oder lokalen Ansiedlungen gesundheitsgefährdender Arten gezielte Maßnahmen der Bestandsregulierung ergriffen werden.

Ambrosia artemisiifoliaZu den Neophyten, über die in den letzten Jahren häufig in der Presse berichtet wurde, gehört das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia). Die zu den Korbblütengewächsen gehörige Pflanze stammt ursprünglich aus Nordamerika. Anfang des 20. Jh. tauchte sie erstmals in der Schweiz auf. Sie breitete sich in Ost- und Südeuropa aus und hat inzwischen auf ihrem Weg durch Deutschland auch Mecklenburg–Vorpommern erreicht. Die 20 bis 150 cm hohe urbanophile Pflanze bevorzugt gestörte Böden. So findet man sie an Straßenrändern, in Kiesgruben oder auf Baustellen. Durch Vogelfutter, welches mit Ambrosia-Samen verunreinigt war, konnte sie auch in Gärten und auf Hausgrundstücken Fuß fassen. Die kleinen unscheinbaren Blüten der Ambrosia produzieren eine hohe Anzahl an Pollen, die zu den stärksten Allergie-Auslösern gehören. Besonders empfindliche Menschen sollten deshalb in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld diese Pflanzen noch vor dem Blühen möglichst durch Ausreißen beseitigen. Das Grüngut sollte nicht kompostiert sondern fachgerecht entsorgt werden.

Foto Ambrosia artemisiifolia: Frank Mayfiled, Flickr CC-Lizenz