Belemniten - "Luchssteine", "Donnerkeile",  "Blitzsteine" …

DonnerkeilDie Belemniten gehören zu den häufigsten Fossilbelegen in Norddeutschland. Oft waren diese Funde der bei uns auch häufig so genannten "Donnerkeile" Anlass,  nach weiteren Fossilien zu suchen und Sammlungen anzulegen.

Doch was sind Belemniten?

Als Belemniten werden die erhaltungsfähigen Überreste (Rostren) fossiler Cephalopoden (Kopffüßer) bezeichnet, die zum Stamm der Mollusken (Weichtiere) gehören.

Die kalmarähnlichen Tiere lebten vom Unteren Karbon (?) bis zum Ende der Kreidezeit (358 Mio. Jahre – 65 Mio. Jahre vor Chr.). Fast 300 Mio. Jahre gehörten sie zum Erscheinungsbild der urzeitlichen Meere. Für die Kreidezeit erlangten sie den Status Leitfossilien zu sein.

Leitfossilien

Leitfossilien sind Fossilien, die in bestimmten sedimentären Gesteinshorizonten charakteristisch sind und ihre zeitliche Datierung ermöglichen (relative Altersbestimmung). Dabei ist es wichtig, dass diese Fossilien eine große horizontale, aber geringe vertikale Verbreitung haben.

Bau und Lebensweise

donnerkeilDie Belemnitenrostren sind Endteil des Innenskeletts dieser Kopffüßer (s. Abb. 2). Sie bestehen aus dem Kalkmineral Calcit (CaCO3), der sich im Querschnitt mit radial angeordneten Wachstumsringen zeigt. Sind die häufig zu findenden Rostren gut erhalten, erkennt man an ihrem Vorderende die Alveole, eine trichterförmige Einsenkung, in der der gekammerte Phrakmokon saß. Er enthielt einen alle Kammern durchziehenden perlschnurartigen Sipho (Strang). Der Phragmokon selbst saß  in einer Hülle (Conothek), die sich in das dorsal entwickelte Proostrakum fortsetzte. Das aus Rostrum, Phrakmokon und Proostrakum  bestehende Innenskelett des "Belemnitentieres"  ist selten vollständig erhalten geblieben. (In der Rekonstruktionszeichnung ist der braun eingefärbte Teil das Rostrum.)

Das Innenskelett wurde vom Weichkörper des Tieres umschlossen.
Die Fortbewegung der im marinen Meerwasser – vermutlich in Schwärmen nahe der Wasseroberfläche oder Küste  nektisch lebenden Organismen - erfolgte mittels "Rückstoß-Prinzip". Die „Belemnitentiere“ besaßen vermutlich 10 Arme.

Systematik

Zur Systematik der „Belemnitentiere“ werden neben der Gestalt und dem Querschnitt  des Rostrums auch Gefäßabdrücke auf den Rostren sowie Furchen und Schlitze herangezogen.

Belemnitenrostren im Volksglauben

Die zigarrenförmigen Rostren der "Belemnitentiere" weckten wegen ihrer Gestalt und des nach Reiben oder Schaben auf ihrer Oberfläche auftretenden Ammoniakgeruchs (bei den kreidezeitlichen Rostren) bereits sehr früh das Interesse des Menschen. Die Deutungsversuche sind zahlreich und regional unterschiedlich.

Der römische Dichter OVID (43 v. Chr. – 17 n. Chr.) bezeichnete die Rostren in seinen Metamorphosen als "Luchssteine" (Lynkurium = "Luchsstein"). Diese Betitelung hatte die Annahme zur Grundlage, dass es sich bei den Rostren um zu Stein gewordenen Urin von Luchsen handeln sollte. Dieser nach Ammoniak riechende Urin reizt die Augen. Die Rostren fanden so als Heilmittel bei Augenleiden Verwendung in der Volksmedizin. Doch nicht nur bei Augenleiden sollten die verschieden aufbereiteten Rostren nützlich sein. Hilfe versprach man sich beim Einsatz gegen Blasen- und Nierenleiden sowie Hexenschuss. Ebenso wurde es als Aphrodisiakum eingesetzt. …

Jurazeitliche schwarze Belemnitenrostren sollten als so genannte „Schrecksteine“ in Amulettform heilende Wirkung bei Brustleiden von Frauen besitzen bzw. beim ausbleibenden Stillwunsch behilflich sein.

Bekannt sind die Belemnitenrostren vor allem in Norddeutschland als so genannte „Donnerkeile“. Hier war die Gestalt der Rostren ausschlaggebend für die Namengebung.

Gewitter, verbunden mit Blitz und Donner, führten zu dem Glauben, dass der germanische Gott Donar, der für diese natürlichen Wettererscheinungen zuständig gemacht wurde, die Belemnitenrostren = Donar-Keile (Donnerkeile) als Spitzen der Blitze zur Erde schleuderte. In der Literatur wird aber auch erwähnt, dass sie im Erdreich versanken und erst nach 7 Jahren wieder an die Oberfläche gelangten. Die gefundenen Donnerkeile wurden zur Abwehr von Blitzschlag genutzt.

Die Verwendungsmöglichkeiten der Belemnitenrostren in der Volksmedizin oder ihr "Einsatz" im Aberglauben der Menschen basierte vor allem auf der wissenschaftlichen Unkenntnis, wie diese Funde zu deuten waren. Erstaunlich ist es jedoch, wie der Mythos um diese Funde unter der Bevölkerung bis in die heutige Zeit erhalten geblieben ist.

Für die Bereitstellung der Rekonstruktionszeichnung danken wir Frau Inge Reinicke aus Stralsund recht herzlich.

Quellen/Literatur:

Lehmann, U. (1986): Paläontologisches Wörterbuch. – VEB Gustav Fischer Verlag, Jena.
Lehmann, U. (1987): Ammoniten Ihr Leben und ihre Umwelt. – Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart.
Müller; A. H. (1981): Lehrbuch der Paläozoologie, Bd. II, T. 2. – VEB Gustav Fischer Verlag, Jena.
Reinicke, R. (1991): Rügen Strand & Steine. – Demmler-Verlag, Schwerin
Reinicke, R. (2007): Steine am Ostseestrand. – Demmler Verlag GmbH, Schwerin.
Rohde, A. (2008): Auf Fossiliensuche an der Ostsee. – Wachholtz Verlag, Neumünster.
Schulz, W. (2003):    Geologischer Führer für den norddeutschen Geschiebesammler. – cw Verlagsgruppe, Schwerin.
Thenius, E.; Vavra, N. (1996): Fossilien im Aberglauben und im Alltag. – Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main.

www.kuestenbilder.de
www.naturhistorisches-museum.de/belemniten
www.wikipedia.de