Artenvielfalt erforschen und dokumentieren - Der Wanderfalke

Vogel auf SteinNaturwissenschaftliche Sammlungen leisten mit ihrer Arbeit des Sammelns, Bewahrens und Dokumentierens einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Biodiversität. Die Naturhistorischen Landessammlungen im MÜRITZEUM wurden 1866 begründet. Ihre vielfältigen bis ins 18.Jh. zurückreichenden Sammlungsbestände sind Dokumente für das Vorkommen von Pflanzen und Tieren sowie die geologische Beschaffenheit unseres Gebietes. Durch die Funktion als Sammelzentrale für Todfunde aus Mecklenburg-Vorpommern sowie die Einbindung in überregionale Forschungsprojekte wird Belegmaterial für aktuelle und zukünftige Forschungen gesichert und langfristig bewahrt. Daten aus den verschiedenen Sammlungen wurden bereits für die Abfassung zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen herangezogen. Auch für die Erstellung Roter Listen oder Verbreitungskarten ist eine Erfassung der Sammlungsbestände unverzichtbar, denn in den Sammlungen finden sich nicht nur Belege für die aktuelle Fauna und Flora. Zu den Besonderheiten der Naturhistorischen Landessammlungen gehört z.B. auch ein reicher Bestand bereits ausgestorbener Arten, von Neobionten und Irrgästen.

Ein besonderer Schatz in der Vogelsammlung sind die zahlreichen Eier, Bälge und Standpräparate des Wanderfalken (Falco peregrinus Tunstall,1771), die mit der Übernahme ornithologischer Sammlungen, durch Schenkungen und aus Nachlässen in das Warener Museum kamen.

In den ersten ornithologischen Schriften von Siemssen (1794) und Zander (1837) wird dieser große Falke lediglich als Gastvogel erwähnt. Erstmals ließ sich 1845 eine Brut in Mecklenburg nachweisen. In der 2. Hälfte des 19.Jh. nahmen infolge der geregelten Waldwirtschaft die Kiefernbestände zu. Da der Wanderfalke vor allem alte Kiefern als Horstbäume bevorzugt entwickelten sich gute Voraussetzungen für seine Ansiedlung und Ausbreitung. Schwerpunkte seiner Verbreitung waren Teile der Boddenlandschaft, des Höhenrückens, der Seenplatte mit ihrem südwestlichen Vorland sowie die Ueckermünder Heide. In der Naturhistorischen Landessammlung befinden sich mehrere mecklenburgische Brutnachweise für die Zeit zwischen 1864 und 1869. Ein besonderer Beleg ist das Wanderfalkenei aus der Sammlung Max von Maltzan. Es stammt aus einem Gelege, das am 24.4.1862 bei Dobbertin gefunden wurde und gilt als das erste und damit älteste in Sammlerhände gelangte Ei aus einem mecklenburgischen Wanderfalkengelege. Wüstnei & Clodius (1900) stellen fest, dass der Wanderfalke inzwischen „in den meisten größeren Waldungen brütend gefunden worden“ ist. Noch in den 30er Jahren des 20.Jh. galt der Wanderfalke als seltener, aber verbreiteter Brutvogel in Mecklenburg -Vorpommern.

In den 40er Jahren begann der Rückgang der Vogelart. Die Ursachen lagen vermutlich zunächst in der Intensivierung der Forstwirtschaft, durch die es zu starken Eingriffen in den Brutrevieren kam. Mit der Entstehung riesiger Kahlschläge und Neuaufforstungen verschwanden zunehmend geeignete Horstbäume. Den Todesstoß erhielten die letzten Populationen allerdings durch den massiven Einsatz von Pestiziden in der Land- und Forstwirtschaft in den 60er Jahren. Als Beutegreifer stehen Wanderfalken, wie auch andere Greifvogelarten am Ende von Nahrungsketten. Sie reichern in ihrem Körper Schadstoffe an, die sich wiederum auf die Reproduktion auswirken. Im Falle des Wanderfalken verursachten die Pestizide das Absterben von Embryonen und eine zunehmende Dünnschaligkeit der Eierschalen. Die letzten Brutpaare hielten sich bis 1972, dann galt die Art für Mecklenburg-Vorpommern als ausgestorben.

Nachdem man den ursächlichen Zusammenhang zwischen Pestizidbelastung und Artverlust erkannt hatte, gelang es, in vielen Ländern den Gebrauch dieser Stoffe (z.B. DDT) zu verbieten oder zumindest stark einzuschränken. Trotz intensiver Naturschutzbemühungen konnte erst 1997 wieder ein Brutpaar in Mecklenburg-Vorpommern festgestellt werden. Die Elterntiere des bei Lubmin festgestellten Paares stammen vermutlich aus Auswilderungsprojekten in Brandenburg oder Polen.

Seit 1995 erfolgte auch in Mecklenburg–Vorpommern durch den Landesjagdverband die Auswilderung gezüchteter Wanderfalken in Baumhorsten. Ziel ist es, eine neue Baumbrüterpopulation zu initiieren. Von 1995 – 2001 wurden insgesamt 75 Jungvögel ausgewildert. Es wird geschätzt, dass es inzwischen wieder 8-10 Brutpaare in unserem Bundesland gibt.

Als wesentliche Gefährdungsursache der wenigen Brutpaare werden heute insbesondere die Störungen am Horst angesehen. Unsere Kulturlandschaft unterliegt vielfachen Nutzungsansprüchen, durch die es Bewohnern ehemals ungestörter Naturräume sehr schwer haben. Wichtig ist es deshalb, zum Schutz des Wanderfalken, aber auch anderer Greifvögel, die Regelungen der Horstschutzzonen gemäß Landesnaturschutzgesetz einzuhalten.

Steckbrief Wanderfalke (Falco peregrinus, Tunstall,1771)

Verbreitung: weltweit, 19 Unterarten; F.p.peregrinus – Unterart der gemäßigten und borealen Zone Eurasiens
Größe: 38 – 48 cm
Kennzeichen: lange spitze Flügel, ein langer, sich am Ende schwach verjüngender Schwanz, Gefieder Männchen (♂) oberseits schiefergrau, Unterseite weiß eng schwarz gebändert, kräftiger lappenförmiger Bartstreif, Weibchen (♀) kräftiger gefärbt, größer als ♂.
Nahrung: erbeutet Vögel im Flug, Sturzflüge aus 300 bis 600 m Höhe, erreicht dabei bis zu 300 km/h, akrobatische Flugleistungen, Beute wird mit den Krallen ergriffen und getötet
Nest: flache Mulde ohne Nistmaterial, Baum- und Felsbruten, eine Jahresbrut, häufig Nutzung von Greifvogelhorsten anderer Arten
Eier: 3-4, kurz-oval, rahmfarben oder rostbraun mit dichten feinen roten oder kastanienbraunen Flecken
Brutdauer: 28 – 29 Tage, Nestling 14 Tage zunächst von ♀ gefüttert und gehudert, später auch vom ♂ gefüttert, flugfähig mit 35 – 42 Tagen, noch 2 Monate auf die Eltern angewiesen
Wanderung: je nach Vorkommen Standvögel bis Langstreckenzieher, Zugneigung nimmt nach Norden zu, Jungvögel aus Mittel-, Ost- und Nordeuropa wandern insbesondere im ersten Lebensjahr nach West- und Südwesteuropa, arktische Wanderfalken sind Langstreckenzieher, ziehen nach Mittel- und Südamerika, Wanderfalken der russischen Arktis überwintern in Afrika und im Süden Asiens

Literatur

Eichstädt, W., W. Scheller, D. Sellin, W. Starke & K.- D. Stegemann (2006): Atlas der Brutvögel in Mecklenburg–Vorpommern.- Steffen Verlag, Friedland.
Klafs, G. & J. Stübs (Hrsg. 1987): Die Vogelwelt Mecklenburgs.- 3.Aufl.Jena.
Wüstnei, C. & G. Clodius (1900): Die Vögel der Grossherzogthümer Mecklenburg.- Güstrow.