Nachruf für Dr. Ulrich Voigtländer

(8.9.1940 Borgsdorf - 9.6. 2009 Friedland)

Erstmals begegnete ich Dr. Ulrich Voigtländer 1981 bei meiner Bewerbung als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Müritz-Museum Waren. Die Stelle des Abteilungsleiters für Ausstellung, Sammlung und Forschung war frei geworden und ich bekam durch ihn die Chance, mich als Biologin in einem Museum, mit ganz neuen Aufgaben zu beschäftigen. Dr. Voigtländer hatte am 1. August 1974 Direktorenstelle des Museums übernommen. Auch er war als so genannter Seiteneinsteiger ins Museumswesen gekommen. Von 1959 bis 1964 hatte er Biologie an der Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Universität studiert. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit den „Ackerwildkrautgesellschaften im Raum Feldberg“. Als Forschungsassistent konnte er dieses Thema noch erweitern und promovierte schließlich im Jahr 1971 bei Prof. Dr. F. Fukarek.

Seine ersten Berufserfahrungen sammelte Dr. Ulrich Voigtländer im Meliorationskombinat Neubrandenburg, wo er sich mit Fragen zur Hydrologie und Entwässerung von Moor- und Mineralbodenstandorten beschäftigte.
Schon als Schüler hatte Ulrich Voigtländer, gefördert durch den Heimatforscher Reinhard Barby und angeregt durch Kontakte zum Warener Tierfotografen Karl Heinz Moll, sowie dem Leiter der Naturschutzstation Serrahn, Hubert Weber, erste Sammlungen biologischer Objekte angelegt. Über das Sammeln und Forschen entwickelte sich ein besonderes Interesse für die Museologie. Als Ulrich Voigtländer 1974 auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern und Herausforderungen das Angebot erhielt, die Leitung des Museums in Waren zu übernehmen, erfüllte sich für ihn auch dieser Jugendtraum.

Im Jahr 1957 hatte man in Waren die Sammlungsbestände des einstmals renommierten „von Maltzan’schen Naturhistorischen Museums für Mecklenburg“ mit den heimatkundlichen Sammlungen der Stadt Waren zum Müritz-Museum vereint. Verschiedene Museumsdirektoren hatten seitdem das Sammlungsprofil sowie den Charakter der Ausstellungen geprägt. Unter der Leitung des Botanikers Ulrich Voigtländer erhielt die naturwissenschaftliche Arbeit am Museum wieder einen höheren Stellenwert. Als das Müritz-Museum im Jahr 1977 entsprechend einer Profilierungsrichtlinie zum Spezialmuseum für Landeskultur, Umwelt- und Naturschutz erklärt wurde, begann man mit der schrittweisen Neugestaltung der Ausstellungen. Die Magazine wurden renoviert und neu ausgestattet. Die Inventarisierung und Katalogisierungen wurde in allen Sammlungen vorangetrieben. Das seit vielen Jahren geplante Projekt Müritz - Aquarium nahm unter der Leitung von Ulrich Voigtländer und durch das besondere Engagement seines Mitarbeiters Joachim Rahn konkrete Formen an. Anlässlich der Arbeiterfestspiele im Bezirk Neubrandenburg konnte das größte Aquarium für heimische Süßwasserfische der DDR als Abteilung des Müritz-Museums 1982 eröffnet werden. Im gleichen Jahr ergaben sich jedoch neue unerwartete Probleme mit denen der Direktor des Museums konfrontiert wurde. Es stellte sich heraus, dass der bautechnische Zustand des Museumsgebäudes eine Generalsanierung unumgänglich machte. Die Ausstellungen mussten abgebaut und die Sammlungen verpackt werden. Es galt geeignete Lager- und Arbeitsräume im Stadtgebiet zu finden, und das in einer Zeit, in der Wohnraum knapp war. Die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit des Museums war eine große Herausforderung, denn Aquarium und Garten blieben für Besucher geöffnet und die neue Ausstellung musste vorbereitet werden. Auch der tägliche Kampf um den Fortgang der Bauarbeiten über einen Zeitraum von 9 Jahren, denn so lange dauerte die Bauphase, war eine Leistung, die im Nachhinein nicht hoch genug bewertet werden kann. Dr. Voigtländer gelang es, die günstigen Umstände der politischen Neugestaltung im Osten Deutschlands zu nutzen, und das Müritz-Museum am 17.Oktober 1991, im 125. Jahr des Bestehens der Naturhistorischen Landessammlungen, mit einer neuen attraktiven Ausstellung zur Landschaftsentstehung und -entwicklung in Mecklenburg - Vorpommern für die Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Damit hatte er das erreicht, was ihm in den 70er Jahren als schrittweise Umgestaltung nicht möglich war, eine modern gestaltete überregionale Ausstellung, die auf interessante Weise die Kulturgeschichte des Landes mit der Natur- und Landschaftsgeschichte verknüpfte. Nach der Wiedereröffnung des Museums wurde die Profilierung zum Naturhistorischen Landesmuseum konsequent fortgesetzt. Dazu gehörte die Weitergabe der heimatkundlichen sowie der ur- und frühgeschichtlichen Sammlungen an andere Museen und wissenschaftliche Institutionen. Nun konnten die vorhandenen sanierten und neu ausgestatteten Räume für eine bessere Unterbringung der naturwissenschaftlichen Sammlungen genutzt werden. Der besonderen Hartnäckigkeit von Dr. Voigtländer für die Sache des Museums war es auch zu verdanken, dass im Museumsgarten ein Mehrzweckgebäude errichtet wurde, in dem sowohl die Präparationswerkstatt als auch die geologische Sammlung untergebracht werden konnten. Damit war ein jahrzehntelanger Engpass im Müritz-Museum beseitigt worden.

Die Vernetzung des Müritz - Museums mit anderen Museen in Mecklenburg-Vorpommern und in Deutschland war ein besonderes Anliegen von Dr. Ulrich Voigtländer, so wurde das Museum 1990 Mitglied im Deutschen Museumsbund. Im gleichen Jahr wurde in Mecklenburg-Vorpommern ein Museumsverband e.V. für das neue Bundesland Mecklenburg-Vorpommern aus der Taufe gehoben. Dr. Voigtländer gehörte zu den Gründungsmitgliedern und arbeitete ehrenamtlich einige Jahre im Vorstand mit.

Im Jahr 1992 beendete Dr. Voigtländer seine Tätigkeit im Müritz-Museum und schloss damit den Abschnitt seines Lebens ab, über den ich aus eigenem Erleben bzw. aus der Kenntnis von Museumsdokumenten berichten kann. Weitere Aspekte seines Wirkens, die an anderer Stelle gewürdigt werden, will ich hier nur streifen. Im Ergebnis seiner Forschungstätigkeit, nicht nur auf dem Gebiet der Botanik sondern auch zu Fragen der Landschaftsgeschichte, entstanden zahlreiche Publikationen. Er war Mitherausgeber von Fachzeitschriften und machte sich als Förderer ehrenamtlicher botanischer Forschung verdient. Eine besondere Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde Dr. Ulrich Voigtländer im Jahr 1988 zuteil, als ihm vom Ministerium für Kultur der DDR der Titel Museumsrat verliehen wurde. Nicht vergessen werden darf aber sein Anteil am Entstehen des Müritz - Nationalparks. Als Mitglied der im Herbst 1989 gegründeten Bürgerinitiative „Müritz-Nationalpark“ setzte er sich für die Einrichtung des Schutzgebietes am Ostufer der Müritz ein. In Würdigung dieser Leistung wurde Dr. Ulrich Voigtländer zusammen mit seinen Mitstreitern Gerhard Heclau, Dr. Hans-Dieter Knapp und Ulrich Meßner am 11.11.1991 der Europäische Umweltpreis verliehen.

Ein Leben in wenigen Sätzen zu umreißen ist schwer, und schwierig ist es auch, der Persönlichkeit des Verstorbenen gerecht zu werden. Dr. Ulrich Voigtländer hat eine Spur hinterlassen. - Wir werden seiner gedenken.

Dipl.-Biologin Renate Seemann